Ost-West-Brücke: Radwegebenutzungspflicht aufgehoben

Das Jahr 2010 war noch jung, als die Elmshorner Lokalpolitiker einen Beschluss fassten, der richtungsweisend für ganz Elmshorn hätte werden können: Breite Radfahrstreifen auf der Fahrbahn der Ost-West-Brücke sollten durch Reduzierung von vier auf zwei Fahrstreifen angelegt werden. Komfortabel und zügig auf einheitlichem Niveau direkt auf der Fahrbahn neben Kraftfahrzeugen fahren – das hatte es in Elmshorn bisher so noch nicht gegeben!

Doch am 08. Februar, nur eine Sitzung später, wurde der Beschluss, welchen der Ausschuss für Kommunale Dienstleister und Stadtwerke am 18.Januar gefasst hatte, bereits wieder zurückgenommen. Aus der (Radfahrer-)Traum!

Was bitte war da geschehen? Das peinliche und äußerst zügige Zurückrudern lässt wohl zuerst vermuten, dass ein vorschnell gefasster, unausgereifter Beschluss revidiert werden musste.

Dies war aber definitiv nicht der Fall!

Das Verkehrsplanungsbüro Rümenapp hatte das Konzept sorgfältig ausgearbeitet und der Politik auch gewichtige Gründe aufgezeigt: So wäre es nicht zuletzt eine Maßnahme zur direkten Verbesserung der Sicherheit geworden:  Zehn Radfahrer waren in den Jahren vor dem Beschluss auf den Kreuzungen an den beiden Brückenköpfen mit Fahrzeugen kollidiert. Die Aspekte der Förderung für den Radverkehr durch zügiges und komfortables Vorankommen sollen hier daher gar nicht erst detailliert genannt werden.

Es waren die Reaktionen der Elmshorner Bürger (oder besser gesagt besonders den Politikern nahestehender Interessengruppen) die die Politik zu einem schnellen Umdenken bewegten. Plötzlich wurde das Geld (40.000 Euro hätte die Umgestaltung gekostet) angeblich für die Sanierung anderer im Winter beschädigter Radwege dringend benötigt. Die Umgestaltung zur Verbesserung der Sicherheit war auf einmal nicht mehr “unbedingt notwendig”. “Überhaupt nicht schlüssig”, wurde die Maßnahme gar vom damaligen ASKD-Ausschussmitglied der CDU Siegfried Golz bezeichnet, der auch persönlich den Antrag zur Aufhebung des Beschlusses gestellt hatte.

Dabei wäre die Reduzierung der Fahrspuren  für den Kraftfahrzeugverkehr keine wirklich große Beschränkung gewesen, denn die im Jahr 1982 eröffnete und nach den Vorstellungen der 60er Jahre geplante Ost-West-Brücke zeichnet sich insbesondere durch eines aus: Sie ist völlig überdimensioniert, weil sie die bei der Planung für die Zukunft erwarteten Verkehrsströme und Verkehrsvolumen nie erreichen konnte.

So war es wohl eher ein mentales Problem, welches die Elmshorner Bürger und Ihre Politiker im Jahr 2010 und auch in den folgenden Jahren bei anderen Projekten (Ansgarstraße, Koppeldamm…) hemmte, einen entscheidenden neuen Schritt in die Zukunft zu wagen: Die Vorstellung, den Autos Raum wegzunehmen, um darauf Fahrräderfahren zu lassen, erschien vielen damals einfach zu unsinnig. Selbst wenn der Platz von den Autos ja gar nicht benötigt wurde!

Staus oder andere Verkehrsstockungen traten auf der Ost-West-Brücke jedenfalls noch nie auf, im Gegenteil: Die überbreiten Fahrbahnen regten Kraftfahrzeugführer regelmäßig zum Rasen an, so dass seit 2010 die Brücke vor allem durch neu gemessene Geschwindigkeitsverstoß-Rekorde und Überschreitungen in massenhafter Form in den Zeitungen von sich reden machte.

Radfahrstreifen oder Schutzstreifen waren – und sind – damit auf der Ost-West-Brücke nur ein Wunschtraum und eine kurze Episode in der Geschichte.

Im Gegensatz zu dem wunderbaren Planungen von damals klingt, was wir nun zu vermelden haben, auch geradezu unspektakulär und belanglos: Auf beiden Seite der Ost-West-Brücke wurde die Radwegebenutzungspflicht aufgehoben und durch ein Benutzungsrecht auf den Gehwegen durch das Zusatzschild “Radfahrer frei” ersetzt.

Dennoch möchte ich hier kurz erläutern, warum dies trotzdem ein wichtiger und erwähnenswerter Schritt ist:

Begonnen sei hier damit, dass die Alternative dazu war, die Radfahrer einfach auf der Fahrbahn fahren zu lassen, und was erstaunlicherweise in Zeitungsartikeln aus dem Jahr 2010 gar nicht besonders thematisiert wurde: Die Radfahrer wurden weiter dazu gezwungen, die Ost-West-Brücke auf gemeinsamen Geh-und Radwegen zu überqueren, die für beide Verkehrsteilnehmergruppen zusammen eindeutig zu schmal sind. Dies ist ein verordnetes Verkehrsrisiko. Insbesondere ist dies einleuchtend, wenn man sich klar macht, welche Geschwindigkeiten ein Radfahrer erreichen kann, der die Brücke herunterfährt, und dabei dicht an Fußgängern vorbeifahren muss, die sich ebenfalls auf der Brücke befinden.

Weiter sei erwähnt, dass der Benutzungspflicht in vielen Fällen gar nicht nachgekommen werden konnte, und die gesamte Beschilderung somit nichtig und irrsinnig war. So fehlen auf der Brücke und an den Brückenköpfen in vielen Richtungen schlichtweg Absenkungen oder andere Auf- und Abfahrmöglichkeiten um auf das Hochbord zu gelangen. So war es beispielsweise aus der kleinen Gärtnerstraße kommend als Radfahrer nur möglich, regelkonform auf den Radweg zu gelangen, indem man anhielt, abstieg, mehrere Meter über den Fußgängerweg schob und dann Fußgängerbedarfsampeln benutzte, dann wieder aufstieg und weiterfahren konnte.

Auch hat sich die sonstige Gefährdungslage, die an der Brücke herrschte und die sehr für die Führung der Radfahrer auf der Fahrbahn sprach, seit den damaligen Beschlüssen natürlich nicht von allein vermindert. Die Kreuzungen an den Brückenköpfen gelten weiterhin als Unfallschwerpunkte. Hinzugekommen ist noch, dass durch die Ansiedlung mehrerer Verbrauchermärkte an der Straße “An der Ost-West-Brücke” an dieser Abzweigung auch ein neuer Unfallschwerpunkt für Radfahrer und Fußgänger entstanden ist, weil Radfahrer regelmäßig durch allzu zügig und unaufmerksam abbiegende Kraftfahrzeugführer übersehen wurden.

Ein Unfallschwerpunkt, den die Stadt (zumindest nach eigenen Angaben) zwar durch bauliche Maßnahmen entschärfen konnte. Aber halt nicht dadurch, dass die Radfahrer mehr im Sichtfeld und Wahrnehmungsbereich der Autofahrer geführt werden, sondern durch Verschwenkungen und Absperrgitter – kurz gesagt: Ausbremsen und Komfortverlust beim Radfahrer.

Auf diese Umstände war die Stadt in den vergangenen Jahren von Privatpersonen und von Verbänden mehrfach hingewiesen worden, zusammen mit der Bitte, lange geltendes Recht doch einfach nur umzusetzen. Dennoch ließ eine angemessene Reaktion lange auf sich warten. Umso größer ist nun die Freunde, dass endlich Bewegung in die Angelegenheit gekommen ist!

Nun haben die Elmshorner Radfahrer endlich selbst die freie Wahl, ob sie sich eher im Blickfeld des Autoverkehres auf der Fahrbahn bewegen wollen, und dabei gleichzeitig zügig unterwegs sein können, oder ob ihr Sicherheitsbedürfnis dahin geht, sich weiterhin auf dem Hochbord zusammen mit den Fußgängern zu bewegen (dann natürlich mit darauf angepasster Geschwindigkeit).

(Raphael Haugwitz, Elmshorn)